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Die Welt trocknet aus

Rund um den Globus wird das Süßwasser knapp. Das hat auch für Deutschland Folgen. Trotzdem wächst das Bewusstsein dafür erst allmählich. Die dritte UN-Wasserkonferenz Ende dieses Jahres schafft hoffentlich Abhilfe.

Bereits im Jahr 1985 sagte der ägyptische Diplomat und spätere UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali einen viel beachteten Satz: »Der nächste Krieg im Nahen Osten wird um Wasser geführt, nicht um Politik.«[1] Seine Vorhersage ist in dieser Dramatik glücklicherweise nicht eingetroffen. Zwischenstaatliche Kriege um Wasser als Hauptgrund gab es weder im Nahen Osten, obwohl das Konfliktpotenzial dort seit Jahrzehnten hoch ist, noch anderswo. Wasser gilt in der Wissenschaft heute als Konfliktverstärker, aber nicht unbedingt als Konfliktauslöser.[2] Wo Beziehungen ohnehin schwierig sind, kann der Kampf um Wasser das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen. Pflegen Nachbarstaaten jedoch Verbindungen auf verschiedenen Ebenen, wirtschaftlich, kulturell, politisch und am besten noch über internationale Wasserkooperationen, dann eskalieren Wasserstreitigkeiten selten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Dennoch war Boutros-Ghalis Satz von damals wichtig und wertvoll, weil er die Aufmerksamkeit auf ein Thema lenkte, das bis heute chronisch unterschätzt wird:[3] Wasser galt lange Zeit – und gilt manchen noch immer – als ein rein technisches Problem, das mit der entsprechenden Infrastruktur behoben werden könne. Brunnen bohren, Leitungen legen, Netze errichten, Kläranlagen bauen – und das Problem sei gelöst. Die Sache ist jedoch viel komplizierter. Es geht neben wirtschaftlicher Entwicklung auch um Gerechtigkeits- und Geschlechterfragen, um Gesundheit, um Stadt-Land-Gefälle, um Folgen des Klimawandels und vieles mehr.

Inzwischen ist beispielsweise sehr gut dokumentiert, dass bei Wassermangel als Erstes Frauen und Mädchen leiden, weil sie in vielen Kulturen für das Wasserholen zuständig sind und infolgedessen immer weitere Wege zurücklegen müssen. Diese Tätigkeit kostet Zeit, und zwar schon heute 250 Millionen Stunden an jedem einzelnen Tag.[4] Das ist Zeit, die ihnen für andere Dinge fehlt. Zudem ist es eine Tätigkeit, die ihre Gesundheit beeinträchtigen kann und wegen sexueller Übergriffe ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Das ist nur ein Beispiel unter vielen für den multifaktoriellen Charakter des Themas: Wasser mag ein elementarer und einfacher Grundbaustein des Lebens sein, seine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Implikationen jedoch sind äußerst vielschichtig. Das wird hierzulande noch zu wenig gesehen. Auch seine Bedeutung als Wirtschaftsfaktor wird erst allmählich erkannt. 

Wasser auch in Deutschland nicht mehr selbstverständlich

Die Tatsache ist aber, dass Süßwasser in allen Weltgegenden weniger wird. Viel zu lange haben wir geglaubt, Trockenheit sei ein Problem afrikanischer oder nahöstlicher Staaten. Bilder von Dürren am Horn von Afrika oder vom westafrikanischen Mali prägten unser Verständnis von Wasserkrisen – erschreckend, aber weit entfernt. Die Hitzeperioden der vergangenen Jahre in Europa, zuletzt in diesem Sommer, zeigen jedoch, dass Wasser auch bei uns nicht mehr selbstverständlich vorhanden ist.

Wer sich den Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig anschaute, sah im Sommer 2026 für Deutschland überwiegend ›rot‹.[5] Auf die heißen Jahre 2018 bis 2022 folgten zwei regenreichere, die dann wieder abgelöst wurden durch ein trockenes Jahr 2026. Entsprechend waren die Böden in vielen Gegenden Deutschlands wasserarm. Problematischer war die Lage in Südeuropa, wo von Spanien über Frankreich und Italien bis Griechenland wegen der Trockenheit verheerende Waldbrände wüteten. Dies wird auch zunehmend zu einem ökonomischen Problem. Der extreme Hitzesommer hat gesamtwirtschaftliche Schäden in Höhe von rund 36 bis 42 Milliarden Euro in Deutschland verursacht. Das entspricht etwa 0,8 bis 0,9 Prozent der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung.[6]

Investitionen in Wassersysteme, Speicher, Kläranlagen und effiziente Bewässerungslösungen lohnen sich.

Weltweit ist die Lage noch dramatischer. Im Osten Afrikas leiden Menschen seit Jahren bittere Not, weil Regenzeiten immer wieder ausfallen und Landwirtschaft nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist.[7]7 Dasselbe erleben die Länder in der Sahelzone. Auch in Teilen von Indien herrscht eine hartnäckige Trockenheit.[8] Iran befindet sich mittlerweile in einer historischen Wasserkrise, bei der ganze Seen verschwinden und die Hauptstadt Teheran allmählich austrocknet.[9]

In vielen Gegenden gibt es kein ›Normal‹ mehr

In vielen Regionen der Erde wird ein deutliches Muster erkennbar: Wasser wird knapper; so knapp, dass die Universität der Vereinten Nationen (United Nations University – UNU) Anfang des Jahres den »globalen Wasserbankrott«[10] ausgerufen hat. Wir leben auf Wasserkredit, lautet die Schlussfolgerung: Die Welt verbraucht mehr Wasser, als sich auf natürliche Weise erneuert. Auch früher gab es Dürren, aber auf einen Mangel folgte meist eine Phase der Erholung. Heute ist das nicht mehr garantiert, vor allem wegen des Klimawandels, des Verlusts an Natur und wegen deutlicher Übernutzung der Ressource Wasser.

Ein Viertel der weltweiten Nutzpflanzen wird in Regionen angebaut, in denen die Wasserversorgung unter Druck steht.

Die globalen Auswirkungen sind immens: Dem ›World Resources Institute‹ zufolge wird inzwischen ein Viertel der weltweiten Nutzpflanzen in Regionen angebaut, in denen die Wasserversorgung unter Druck steht oder unzuverlässig ist.[11] Das beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion schon heute und künftig noch stärker. Zudem leiden vier Milliarden Menschen, die Hälfte der Weltbevölkerung, mindestens einen Monat im Jahr unter extremer Wasserknappheit.[12] Fast drei Viertel aller Menschen wohnen in wasserunsicheren Gegenden. Dabei leben bis heute Hunderte Millionen Menschen noch ohne unbedenkliches Wasser.[13] Das bedeutet, dass der Wasserbedarf weiter steigt – nicht nur, aber auch in Ländern des Globalen Südens.

Relevant für fast jeden Wirtschaftszweig

Weil Deutschland als Exportnation wie wenige andere mit der Welt verbunden ist,[14] trifft uns über globale Lieferketten auch die Wasserkrise anderswo. Das deutsche Geschäftsmodell ist auf offene Märkte, einen regelbasierten Austausch von Gütern sowie Dienstleistungen und eben auch auf die Verfügbarkeit von Wasser in anderen Weltgegenden angewiesen. Viele Rohstoffe, Vor- und Halbprodukte werden in fernen Ländern hergestellt. Stockt die Fertigung wegen Wasserproblemen, kann das direkte Auswirkungen auf eine Produktionskette haben.

Wasser ist für fast jeden Wirtschaftszweig wichtig. Dies gilt für die Landwirtschaft, in die rund 70 Prozent des verfügbaren Süßwassers fließt, aber auch für die Energieversorgung, die Stahlproduktion, die Papierherstellung, die chemische Industrie und die Bauwirtschaft.[15] Und auch weniger betroffene Branchen können die Folgen spüren – etwa wegen eingeschränkter Transportmöglichkeiten auf Flüssen bei niedrigen Pegelständen. Wie es um den Wasserhaushalt in anderen Weltgegenden bestellt ist, kann deshalb nicht einerlei sein.

Die ersten Folgen kann jeder bereits spüren: So gingen die höheren Kaffeepreise der vergangenen Zeit zum Beispiel auf Dürren in zentralen Anbaugebieten wie Brasilien oder Vietnam zurück. Ähnliches gilt für Olivenöl: Auch hier führte die zunehmende Trockenheit in wichtigen Anbauregionen, etwa in Spanien und Griechenland, zu merklichen Preissteigerungen. Deutliche Preisanstiege gab es auch bei Schokolade, weil sich beim Kakao-Anbau in Westafrika, vor allem in Côte d’Ivoire und Ghana, ungewöhnlich starke Regen- und Trockenphasen abwechselten. Entsprechend fielen die Ernten geringer aus, was Kosten und Preise in die Höhe trieb.

Aber auch Halbleiter und Lithium, die Deutschland überwiegend importiert, brauchen bei der Herstellung Wasser und können dadurch preislich variieren oder sogar zum raren Gut werden. Kommen geopolitische Konflikte hinzu, kann das die deutsche Wirtschaft empfindlich belasten. Wegen der Verflechtung des Welthandels und weil die Verfügbarkeit der Ressource schrumpft, werden selbst örtlich begrenzte Wasserkrisen immer mehr zu einem globalen Problem, das alle angeht, und nahezu unabhängig davon, wo sie stattfinden.

Zentralbanken warnen vor unterbewerteten Risiken

Der Wert der wasserbezogenen Risiken wird auf sieben bis neun Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts geschätzt und ist damit höher als bei anderen Ökosystemen.[16] Diese Entwicklung alarmiert mittlerweile auch Zentralbanken und Finanzaufsichten. Im Frühjahr 2026 stellte die Deutsche Bundesbank in einer Analyse fest, dass mehr als die Hälfte der Unternehmenskredite bei deutschen Banken – in Höhe von 1,7 Billionen Euro – stark von mindestens einer Ökosystemleistung abhängig sind, Wasser inklusive.[17] Seit dem Jahr 2002 habe Deutschland jährlich 2,5 Gigatonnen Wasser verloren. Das alles seien Risken, lautete die Warnung, die bei Kreditentscheidungen von Banken bisher unterbewertet blieben.

Ähnlich sieht es auch die Zentralbank in Spanien – eine Weltgegend, die schon länger unter Wasserstress leidet. Im Mai 2026 hatte sie zusammen mit der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu einem internationalen Wasserkongress nach Madrid eingeladen, um mit Vertreterinnen und Vertretern der Finanzwirtschaft darüber nachzudenken, wie sich Wasserrisiken besser entdecken, analysieren und vermeiden lassen.[18] Es war das erste Treffen dieser Art, und es zeigt, wie ernst auch Banken die Lage einschätzen. Alarmierend wurde dabei festgestellt, dass der jährliche Anstieg der dürrebedingten Verluste – wie Umsatzeinbußen, Schäden an Vermögenswerten, wirtschaftlichen Beeinträchtigungen – etwa drei bis 7,5 Prozent beträgt.[19] Umso wichtiger ist es, aktiv dagegen anzugehen, zumal es erprobte Lösungen gegen das Wasserproblem gibt.

Investitionen in Wassersysteme lohnen sich

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) etwa arbeitet seit vielen Jahren im Wassersektor, und Deutschland ist hier der wichtigste bilaterale Geber. Entsprechend hat die GIZ weltweit umfangreiche Erfahrungen gesammelt und kann darauf aufbauend sagen: Investitionen in nachhaltige und inklusive Wassersysteme, in Speicher, Kläranlagen, effiziente Bewässerungslösungen und eine höhere Wasserproduktivität lohnen sich. Kombiniert mit einem Blick über die reine Infrastruktur hinaus auf die Bedürfnisse der Menschen können solche Investitionen einen tatsächlichen Unterschied machen. Sie helfen, Wasser bewusster und besser zu nutzen, und schaffen Zugänge dort, wo sie noch fehlen.

Die Projekte der GIZ decken ein breites Spektrum an Maßnahmen ab: In Jordanien unterstützt sie Wasserunternehmen dabei, ihr Management zu verbessern, Leckagen aufzuspüren und Netze zu modernisieren. In Sambia werden junge Menschen im Bereich Wasser und Sanitär ausgebildet, damit sie zu einer besseren Wasser- und Sanitärversorgung beitragen können. Frauen erhalten dabei eine gezielte Förderung, damit auch sie in diese technischen und zukunftsweisenden Berufe hineinwachsen. In Marokko berät die GIZ zum Aufbau einer Kreislaufwirtschaft, denn das Land leidet unter einer starken Wasserknappheit, die sich allen Vorhersagen zufolge weiter verschärfen wird. In Äthiopien fördert sie Kleinbäuerinnen und -bauern, damit sie mit durch den Klimawandel verursachten längeren Trockenperioden besser zurechtkommen, zum Beispiel mit solarbetriebenen Pumpen, wassersparenden Bewässerungstechniken und besserem Zugang zu Kleinkrediten. Zusammen mit einem deutschen mittelständischen Unternehmen führt sie in Südsudan digitale Wasserzugangssysteme ein, über die arme Familien Wasser zu günstigen Preisen beziehen können. In Mexiko unterstützt die GIZ gemeinsam mit privaten Partnern Kleinbäuerinnen und -bauern dabei, besser mit längeren Trockenperioden umzugehen. Dazu gehören klimaresistente Anbaumethoden, wassersparende Bewässerungstechniken und ein besserer Zugang zu Kleinkrediten. So können langfristig stabile Ernteerträge und die wirtschaftliche Existenz der Kleinbäuerinnen und -bauern gesichert werden. Gleichzeitig werden öffentliche und private Mittel gezielt miteinander verbunden: Jeder eingesetzte Euro öffentlicher Mittel mobilisiert dabei rund vier Euro an privaten Investitionen.

Darüber hinaus stärkt die GIZ gemeinsam mit der international ausgerichteten deutschen Wasserwirtschaft, der ›German Water Partnership‹, kommunale Wasser- und Abwasserbetreiber für eine sichere Wasser- und Sanitärversorgung weltweit. Dafür fördert sie den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen Betreibern aus Deutschland und seinen Partnerländern. Mit Ansätzen wie der ›Urban Water Catalyst‹-Initiative unterstützt die GIZ zugleich den sicheren Betrieb sowie die nachhaltige Finanzierung der Wasser- und Abwasserinfrastruktur.

Schließlich vermittelt die GIZ zwischen Staaten, die sich eine Wasserquelle teilen, zum Beispiel am Mekong-Fluss. Dort regelt eine gleichnamige Kommission die Nutzung des Wassers zwischen vier Anrainer-Staaten: Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam. Die Kommission bietet einen festen Rahmen, um aufkommende Konflikte diplomatisch zu besprechen. Ihre Mitglieder tauschen zudem wertvolle Informationen über Wasserstände, Hochwassergefahren oder die Folgen von Infrastrukturprojekten aus. Eine ähnliche Institution besteht auch am Nil, wo elf Anrainerstaaten in der ›Nile Basin‹-Initiative zusammenarbeiten. Hier sind die Verteilungskämpfe etwas härter, aber auch diese internationale Wasserkooperation ist ein wichtiges Forum, um Spannungen abzubauen. An beiden Kommissionen war und ist die GIZ entscheidend beteiligt. Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele, etwa rund um den Orange-Senqu-Fluss im südlichen Afrika. Dort setzen sich die beteiligten Länder Botswana, Lesotho, Namibia und Südafrika mit Unterstützung der GIZ für ein kooperatives Wassermanagement ein.

Deutschland als zentraler Akteur im Wassersektor

Dies sind nur einige Beispiele aus der Arbeit der GIZ, die durch Aktivitäten der KfW Entwicklungsbank ergänzt wird. Insgesamt hat Deutschland ein laufendes Portfolio von über 220 Projekten in mehr als 50 Ländern. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Nahen Osten, Nordafrika und Subsahara-Afrika, weil dort besonders viele Länder unter Wasserstress leiden und die GIZ dabei vorbeugend auch Fluchtursachen entgegenwirken kann.

Als zentraler Akteur im Wassersektor hat Deutschland in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten gemeinsam mit anderen Akteuren schon viel erreicht: Zwischen den Jahren 2015 und 2024 fiel der Prozentsatz an Menschen, die noch kein sicheres Trinkwasser nutzen können, von 32 auf 26 Prozent. Bei den Sanitäranlagen verringerte sich der Anteil von 52 auf 42 Prozent. Bei den sogenannten Basis-Hygienediensten, also dem Zugang zu einer Einrichtung zum Händewaschen mit Wasser und Seife, sank der Anteil sogar von 34 auf 20 Prozent.[20]

Aus gutem Grund ist Wasser von der UN-Generalversammlung im Jahr 2010 zu einem Menschenrecht erklärt worden.

Das sind eindeutige Errungenschaften, die ohne internationale Gelder, auch aus multilateralen Organisationen wie der Weltbank und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme – UNDP), nicht zustande gekommen wären. Sie zeigen, dass Veränderungen möglich sind. Doch das bisher Geleistete genügt nicht. Das Ziel für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goal – SDG) Nummer 6 ›Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen‹ hat sechs Unterziele, die bis zum Jahr 2030 verwirklicht sein sollen: Diese fordern den universellen und gerechten Zugang zu sicherem und bezahlbarem Trinkwasser sowie zu angemessener Sanitärversorgung und Hygiene; eine gesteigerte Wasserqualität durch verbesserte Abwasserbehandlung; eine höhere Wassereffizienz und Wasserwiederverwendung; integriertes Wasserressourcenmanagement einschließlich grenzüberschreitender Zusammenarbeit sowie den Schutz und die Wiederherstellung wasserbezogener Ökosysteme.

Keines dieser Ziele wurde bisher erreicht, und nach heutigem Stand werden sie bis zum Jahr 2030 auch nicht erreicht werden können. Zu viel fehlt noch: In absoluten Zahlen ausgedrückt haben immer noch 2,2 Milliarden Menschen kein sauberes Trinkwasser, 3,4 Milliarden Menschen fehlt der Zugang zu sicheren Sanitäreinrichtungen und 1,7 Milliarden Menschen mangelt es an einer angemessenen Basishygiene.[21] Hinter diesen nüchternen Zahlen stecken Schicksale: Menschen, die von schmutzigem Wasser krank werden, die ihre Notdurft im Freien verrichten müssen, Mädchen, die sich während ihrer Periode nicht waschen können. Unendlich viel Leid hängt am Wasser – und sehr viel Lebensqualität, wenn es ausreichend und sicher vorhanden ist.

Wasser als Menschenrecht

Wasser stillt ein Grundbedürfnis, aber es geht auch um Würde, Gesundheit und Teilhabe. Aus gutem Grund ist Wasser von der UN-Generalversammlung im Jahr 2010 zu einem Menschenrecht erklärt worden.[22] Im Jahr 2015 präzisierte sie die Entscheidung und bestätigte Trinkwasser und Sanitärversorgung als zwei gesonderte, aber eng verbundene Menschenrechte.[23] Dadurch hat jede Person das Recht auf Zugang zu sauberem, erreichbarem und bezahlbarem Wasser in ausreichender Menge. Auch die sanitäre Versorgung mit Toiletten und Waschbecken muss demnach gewährleistet sein. Sie soll sicher, hygienisch, sozial, kulturell annehmbar und bezahlbar sein, ohne die Privatsphäre und die Würde des oder der Einzelnen zu verletzen. Seitdem hat die Generalversammlung diese Menschenrechte mehrfach bekräftigt.[24] Als deutsche Entwicklungsorganisation unterstützt die GIZ diesen Ansatz ausdrücklich.

Doch beide Rechte sind längst nicht verwirklicht.[25] Alle bisherigen Fortschritte genügen nicht; vielmehr müssen sich die Anstrengungen allein für Trinkwasser und Sanitärversorgung mindestens vervierfachen.[26] Nach Berechnungen der Weltbank liegt die Investitionslücke bei 140 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Fast alle Staaten müssten demnach mehr für das SDG 6 unternehmen. Allerdings leiden die meisten unter engen Budgets; zugleich sinken die globalen Entwicklungsbudgets. Allein im Jahr 2024 lag der Rückgang bei 8,5 Prozent, im Jahr 2025 bei über 23 Prozent, und für das Jahr 2026 prognostiziert die OECD einen weiteren Rückgang von fast sieben Prozent. Damit fielen die Gelder für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance – ODA) drei Jahre hintereinander und werden »die ärmsten Länder besonders treffen«[27]. Das sind generell und für den Wassersektor im Besonderen keine guten Nachrichten.

Vor diesem Hintergrund kommt der dritten UN-Wasserkonferenz im Dezember dieses Jahres in den Vereinigten Arabischen Emiraten große Bedeutung zu. Sie soll die Aufmerksamkeit auf das Thema lenken, das SDG 6 bekräftigen und unterstreichen, dass Wasser und Sicherheit zwei Seiten einer Medaille sind. Die Konferenz wird hoffentlich nicht von anderen, geopolitischen Themen überlagert. Zu wünschen wäre zudem ein Blick über das Jahr 2030 hinaus. Noch ist unklar, was auf die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030) folgen soll. Die Diskussionen dazu haben erst begonnen. In jedem Fall sollte das Nachfolgesystem ein deutliches Bekenntnis zu den Menschenrechten auf Wasser und Sanitärversorgung enthalten. Besser wäre es, die SDGs auf ihre Relevanz und Zielgenauigkeit hin zu prüfen, sie der heutigen Weltlage anzupassen, zu bündeln und zum Beispiel Wasser direkt in Verbindung zu Klima, Biodiversität und Landwirtschaft zu setzen. Ob die Staatengemeinschaft die Kraft dafür aufbringt, bleibt abzuwarten.

»Wasser wird bald wichtiger als Öl«[28] – lautet ein weiteres Zitat des ehemaligen UN-Generalsekretärs Boutros-Ghali. Auch diese Aussage hat sich bisher nicht bewahrheitet. Nicht, weil Wasser unwichtig oder unendlich verfügbar wäre, ganz im Gegenteil, aber die Menschheit steckt immer noch mitten im fossilen Zeitalter, obwohl der Nutzen der globalen Energiewende unbestritten ist, auch wenn das manche Staats- und Regierungschefs anders sehen. Entsprechend ist Öl weiter ein dominierender Faktor, wie der Konflikt mit Iran gerade erst wieder zeigt. Dennoch hat Boutros-Ghali mit diesem prägnanten Satz einen bedeutsamen Hinweis gegeben: Wir sollten Wasser nicht für selbstverständlich nehmen, sondern endlich als das betrachten, was es ist: Ein wertvolles Gut, mit dem umsichtig und sorgsam umgegangen werden muss. Die internationale Zusammenarbeit leistet dazu einen substanziellen Beitrag – zum Wohl des Globalen Südens, aber auch zum Wohl Deutschlands.

 


[1]Boutros Boutros-Ghali, Egypt is African and Its Principal Problem is Water, International Herald Tribune, 22.2.1985.

[2] Friederike Bauer, »Wasserkooperationen können Konflikte deutlich entschärfen«, Interview mit Susanne Schmeier, GIZ, 31.7.2026, www.giz.de/de/newsroom/storys/wasserkooperationen-koennen-konflikte-deutlich-entschaerfen; siehe dazu auch den Beitrag von Tobias von Lossow in diesem Heft.

[3]UNESCO, The United Nations World Water Development Report 2021: Valuing Water, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000375724

[4]UNESCO, The United Nations World Water Development Report 2026, Water for All People: Equal Rights and Opportunities, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000397159

[5] UFZ, Dürremonitor Deutschland, www.ufz.de/index.php?de=37937

[6] Michael Welland, Kosten der Hitze: So teuer war der Extremsommer 2026, Greenpeace, 27.8.2026, www.greenpeace.de/klimaschutz/klimakrise/kosten-der-hitze-so-teuer-war-der-extremsommer-2026

[7]European Commission, East Africa, the Middle East and Central Asia Hit by Repeated Droughts since 2021, Joint Research Centre, 20.5.2026, https://joint-research-centre.ec.europa.eu/jrc-news-and-updates/east-africa-middle-east-and-central-asia-hit-repeated-droughts-2021-2026-05-20_en

[8] Deutschlandfunk, Ganges zeigt beispiellosen Trend zur Trockenheit, 23.9.2025, www.deutschlandfunk.de/ganges-zeigt-beispiellosen-trend-zur-trockenheit-100.html

[9]Mohamed Hussein, Iran’s Lakes are Vanishing: Satellite Images Show a Deepening Water Crisis, Aljazeera, 9.6.2026, www.aljazeera.com/features/2026/6/9/irans-lakes-are-vanishing-satellite-images-show-a-deepening-water-crisis-2; Patrick Wintour, Iran Must Move Its Capital From Tehran, Says President as Water Crisis Worsens, The Guardian, 2.10.2025, www.theguardian.com/world/2025/oct/02/iran-must-move-its-capital-from-tehran-says-president-as-water-crisis-worsens

[10]UN News, World Enters Era of ›Global Water Bankruptcy‹, 20.1.2026, https://news.un.org/en/story/2026/01/1166800

[11]Liz Saccoccia/Samantha Kuzma, One-Quarter of World’s Crops Threatened by Water Risks, World Resources Institute, 16.10.2024, www.wri.org/insights/growing-water-risks-food-crops

[12]Kaveh Madani, The World is in the ›Era of Water Bankruptcy‹ – Here’s What That Means, UNU-INWEH, 21.1.2026, https://unu.edu/inweh/article/world-era-water-bankruptcy-heres-what-means

[13]UNU-INWEH, Global Water Bankruptcy, Ontario 2026, S. 10, https://collections.unu.edu/eserv/UNU:10445/Global_Water_Bankruptcy_Report__2026_.pdf

[14] Die Exportquote am deutschen Bruttoinlandsprodukt lag zuletzt bei rund 50 Prozent; fast jeder vierte Arbeitsplatz hing direkt oder indirekt am Export, siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE), Internationalen Handel stärken und Barrieren abbauen, www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Dossier/handelspolitik.html

[15]UN Water, FAO: 2025 AQUASTAT Water Data, 12.1.2026, www.unwater.org/news/fao-2025-aquastat-water-data

[16]University of Oxford, $5 Trillion in Nature-related Global Economic Risks Will Amplify Climate Change, 13.12.2023, www.ox.ac.uk/news/2023-12-13-5-trillion-nature-related-global-economic-risks-will-amplify-climate-change-oxford

[20]UN, SDG 6: Clean Water and Sanitation, https://unstats.un.org/sdgs/report/2025/Goal-06/ sowie WHO/UNICEF/World Bank, State of the World’s Drinking Water, Genf 2022, https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/4a4f47de-8428-49c0-8cc2-6423a03373c7/content

[21]UN, SDG 6, a.a.O. (Anm. 20) sowie UNU-INWEH, Global Water Bankruptcy, a.a.O. (Anm. 13), S. 10.

[22]UN Doc. A/RES/64/292 v. 28.7.2010.

[23]UN Doc. A/RES/70/169 v. 17.12.2015.

[24] Wie beispielsweise hier: UN Doc. A/RES/74/141 v. 18.12.2019.

[25] UN, SDG 6, a.a.O. (Anm. 20).

[26]George Joseph et al., Funding a Water-secure Future, World Bank Group/GWSP, 2024, https://documents1.worldbank.org/curated/en/099050824184024824/pdf/P17294414b3bfa0601be1b181ab4d26aedd.pdf

[27]OECD, ODA Projections for 2026 and the Near‑term, 19.6.2026, www.oecd.org/en/publications/oda-projections-for-2026-and-the-near-term_d7c74fa2-en.html

[28]Boutros-Ghali, Egypt, a.a.O. (Anm 1).

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