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»Die junge Generation wird unsere globalen Probleme lösen müssen.«

Interview mit Jayathma Wickramanayake, Gesandte des UN-Generalsekretärs für die Jugend, über die Bedürfnisse der jungen Generation, ihre Herausforderungen und die Verpflichtung der UN, die Interessen junger Menschen glaubwürdig zu vertreten.

Jayathma Wickramanyake, Gesandte des Generalsekretärs für die Jugend.
Jayathma Wickramanyake, Gesandte des Generalsekretärs für die Jugend. UN Photo/Eskinder Debebe

Patrick Rosenow: Was sind die größten Herausforderungen für die heutige junge Generation?

Jayathma Wickramanayake: Hier zitiere ich oft aus ›eine Geschichte aus zwei Städten‹, einem Roman von Charles Dickens. Es ist die beste Zeit, ein junger Mensch zu sein, aber es ist auch gleichzeitig die schwierigste Zeit. Wir sind die größte Generation junger Menschen, die die Welt je gesehen hat. Die beiden heutigen Generationen, die ›Generation Y‹ (›Millennials‹) und die ›Generation Z‹, sind die am stärksten vernetzten Generationen aller Zeiten. Wir sind die am besten ausgebildete Generation in der Geschichte. Wir haben unbegrenzten Zugang zum Internet und zu Informationen. Aber es ist auch gleichzeitig die schlimmste aller Zeiten, denn die Jugendarbeitslosigkeit ist auf ein Rekordniveau gestiegen. Wir haben weltweit etwa 64 Millionen junge Menschen, die arbeitslos sind. Und viele von denen, die einen Arbeitsplatz haben, sind unterbeschäftigt. Sogar in Europa gibt es unter den erwerbstätigen immer noch Menschen, die in Armut leben, obwohl sie Arbeit haben. Und etwa 600 Millionen junge Menschen leben in Konfliktsituationen oder fragilen Situationen. Selbst wenn man sich die politische Partizipation ansieht, gibt es in etwa drei Vierteln der Mitgliedstaaten der interparla­mentarischen Union (iPU) irgendeine Form der Gesetzgebung, die junge Menschen bei der Kandidatur für ein Amt zum Beispiel durch Altersbeschränkungen diskriminiert. Obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung unter 30 Jahre alt ist, sind es nur zwei Prozent der Parlamentarierinnen und Parlamentarier der Welt oder der Kongressabgeordneten.

Welche Veränderungen sind Ihrer Meinung nach in den Vereinten Nationen erforderlich, um die Jugend aktiver in politische Prozesse einzubeziehen und die UN für junge Menschen attraktiver zu machen?

Bei meinem ersten Treffen mit UnN-Generalsekretär António Guterres habe ich ihm drei Empfehlungen gegeben. Der erste Vorschlag war, dass wir mehr Möglichkeiten für die Beteiligung junger Menschen im zwischenstaatlichen Bereich der UN brauchen. Es mag Themen geben, bei denen Jugendpartizipation nicht gegeben ist, aber es könnte Plattformen geben, die wir ermöglichen. Mehr junge Menschen könnten an Begleitveranstaltungen von Konferenzen teilnehmen oder sich zumindest Gehör verschaffen, wo es eigentlich für Jugendliche schwierig ist, diese Veranstaltungen zu erreichen. Das UUN-Sekretariat kann kreativ sein, um diese Stimmen der Jugend einzubringen. Zwei Beispiele: Im Hochrangigen Politischen Forum über nachhaltige Entwicklung (High­level Political Forum on Sustainable Development – HLPF) gibt es keine Jugendreferenten, die über die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) berichten. Aber zusammen mit dem Präsidenten des Wirtschafts-­ und Sozialrats (Economic and Social Council – ECOSOC) kann ich das Jugendforum des ECOSOC nutzen. Dort lassen wir Jugendorganisationen zu Wort kommen und über die gleichen SDGs berichten, über die im HLPF gesprochen wird. Und dann sammeln wir diese Ergebnisse von Jugendlichen. Anschließend arbeite ich mit dem Präsidenten des ECOSOC und anderen Mitgliedstaaten zusammen, die die Jugendagenda unterstützen, um diese Empfehlungen informell in das HLPF­ergebnisdokument aufzunehmen. Das heißt, wir sorgen trotzdem dafür, dass diese Stimmen der Jugend gehört werden, indem wir auf die eine oder andere Weise im HLPF darüber beraten. Natürlich wollen wir das noch ausbauen.

Wenn wir von einer Welt sprechen, in der die Führungsqualitäten einer eigenverantwortlichen jungen Generation anerkannt werden, dann müssen wir dieses Thema auch in den UN aufgreifen.

Der zweite Aspekt ist der Blick nach innen. Wir als UN sprechen viel mit den Mitgliedstaaten über die Stärkung der Eigenverantwortung junger Menschen und darüber, dass sie Gehör finden müssen. Aber manchmal fühle ich mich wie eine Heuchlerin, wenn ich sehe, wie wir mit den jungen Menschen in den UN umgehen. Wir haben einige sehr unfaire Praktiken. Zum Beispiel zweifelt die Öffentlichkeit die unbezahlten UN-Praktika an oder fragt, weshalb unsere Beraterinnen und Berater nur einen Halbjahresvertrag bekommen und dann ihre Arbeit unterbrechen oder beenden müssen. Das ist nicht nachhaltig. Um einen Einstiegsjob bei den Vereinten Nationen zu erhalten, braucht man mindestens zehn bis 15 Jahre Berufserfahrung. Das hindert viele junge Menschen daran, eine Stelle bei den UN anzutreten, und selbst wenn sie dies tun, ist ein Aufstieg für sie schwierig. Wenn wir also von einer Welt sprechen, in der die Führungsqualitäten einer eigenverantwortlichen jungen Generation anerkannt werden, dann müssen wir dieses Thema auch in den UN aufgreifen. Ich freue mich sehr, dass diese Empfehlung ernst genommen wurde. Mehrere Führungskräfte von UN-Einrichtungen haben Plattformen geschaffen, damit sich ihre jüngsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter äußern und Lösungen für einige der wichtigen Probleme anbieten können, mit denen die UN derzeit konfrontiert sind.

Der dritte Aspekt ist, wie die UN mit jungen Menschen kommunizieren. Die derzeitige Art und Weise ist nicht sehr jugendgerecht. Die Sprache und die akronyme, die wir verwenden, sind nicht sehr bürgernah. Wir nutzen die sozialen Medien, um die Menschen darüber zu informieren, was wir tun. Aber wir nutzen sie nicht, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Wenn wir Informationen verbreiten, müssen wir mit den Menschen kommunizieren. Jugendgerechte Kommunikation wird daher bei den anstehenden Reformen der Hauptabteilung Presse und Information (Department of Public Information – DPI) berücksichtigt.

Wie sind Sie Gesandte für die Jugend geworden?

Ich habe mein Leben immer als eine Reise betrachtet. Und jedes Mal, wenn ich auf Probleme stieß, die mir am Herzen lagen, versuchte ich etwas zu ihrer Lösung beizutragen. Schon während meines Studiums engagierte ich mich im nationalen Jugendrat, zusammen mit dem Ministerium für Jugendfragen von Sri Lanka. Später arbeitete ich an der nationalen Jugendpolitik mit und unterstützte anschließend die Weltkonferenz über die Jugend im Jahr 2014 in Sri Lanka. So kam eines zum anderen, und weil ich im Jugendbereich tätig war, haben mich einige Organisationen als Kandidatin vorgeschlagen. Danach durchlief ich einen Auswahlprozess und zusammen mit anderen jungen Menschen aus verschiedenen Weltregionen wurde ich interviewt. Einige Tage später erhielt ich einen Anruf, dass ich für dieses Amt ausgewählt wurde. Es war ein großer Moment für mich, denn ich hatte noch nie zuvor in einem internationalen Umfeld oder außerhalb meines Landes gearbeitet. Daher fand ich es sehr spannend, jetzt meine Arbeit auf lokaler Ebene auf die globale Ebene auszuweiten, mit größeren Verantwortlichkeiten und größeren Aufgaben.

Welche Schwerpunkte haben Sie für Ihre Amtszeit gewählt, und was haben Sie bisher erreicht?

Ich habe ein Mandat, das die drei Säulen der Vereinten Nationen – nachhaltige Entwicklung, Menschenrechte sowie Frieden und Sicherheit – umfasst. Und meine Tätigkeit wurde um ein Teilgebiet erweitert, das über das Mandat meines Vorgängers Ahmad Alhindawi hinausgeht: die humanitäre Hilfe. Mir geht es darum, auf die Situation junger Menschen im humanitären Bereich aufmerksam zu machen. Deshalb haben wir für jede dieser vier Säulen einige Pläne ausgearbeitet, die ich trotz weiterhin stark begrenzter Ressourcen und Kapazitäten umsetzen möchte. Eine der Hauptaufgaben, die mir der General­sekretär übertragen hatte, bestand darin, eine Jugendstrategie für die UN auszuarbeiten, das heißt ein Dokument zu entwickeln, das eine Vision und Orientierung sowie einige sehr praktische Schritte für das gesamte UN-System in Bezug auf die Arbeit mit jungen Menschen und für junge Menschen enthält. Ich habe mich mit diesem aufwendigen Prozess befasst und sehr eng mit dem interinstitutionellen Netzwerk für Jugendentwicklung der Ver­einten Nationen (Inter-Agency Network on Youth Development – IANYD) zusammengearbeitet.

Zusammen mit diesem interinstitutionellen Netzwerk haben wir mehr als 40 UN-Organisationen in den Prozess integriert, von denen etwa 27 zur Jugendstrategie konkret beigetragen haben. Darunter sind zwei Jugendorganisationen, die ›Wichtige Gruppe Kinder und Jugendliche‹ (Major Group for Children and Youth – MGCY) mit 6 000 Mitgliedsorganisationen und das internationale Koordinationstreffen der Jugendorganisationen (International Coordination Meeting of Youth Organizations – ICMYO). Wir versuchten also, so viele junge Menschen und so viele Un­angehörige wie möglich zu konsultieren, um eine Strategie zu entwickeln.

Der Generalsekretär hat die Strategie in New York vorgestellt.1 Nachdem sie so auf den Weg gebracht wurde, arbeite ich nun mit Partnern zusammen, um einen Umsetzungsplan zu erstellen. Hierbei konzentriere ich mich auf die konkrete Umsetzung vor Ort, in unseren UN-Länderbüros und politischen Missionen. Der Generalsekretär gibt viele Anregungen, sowohl in Bezug auf die Reformagenda als auch im Hinblick darauf, wie wir vor Ort besser mit den Menschen, insbesondere mit jungen Menschen, zusammenarbeiten können. Ich arbeite daher sehr eng mit dem Büro für die Koordinierung der Entwicklungsaktivitäten (Development Operations Coordination Office – DOCO) zusammen, um konkrete Maßnahmen auf Länderebene umzusetzen.

Dieser Prozess war definitiv eine der größten und anspruchsvollsten Aufgaben, an denen ich im letzten Jahr beteiligt war, denn alle 40 verschiedenen Un­organisationen haben 40 verschiedene Prioritäten. Gleichzeitig wollen wir jedoch bei den UN keine zu ausufernden Dokumente mehr veröffentlichen. Also versuchte ich mein Möglichstes, um sehr fokussierte und prägnante Hilfestellungen mit einigen sehr konkreten Beispielen – wie die Schaffung nationaler Jugendräte – zu entwickeln.

Anlässlich des diesjährigen Internationalen Jugendtags haben Sie von der Notwendigkeit sicherer Handlungsräume für Jugendliche gesprochen. Können Sie erläutern, was Sie damit meinen?

Jedes Jahr haben wir für den Internationalen Tag der Jugend ein Thema mit dem Ziel, junge Menschen und ihre Bedeutung in die Öffentlichkeit zu rücken und mehr Bewusstsein und Fürsprache für das gewählte Thema zu entwickeln. In diesem Jahr war es »sichere Handlungsräume für Jugendliche«. Das Thema ist wichtig, da es überall auf der Welt immer weniger Handlungsräume für die Beteiligung der Zivilgesellschaft gibt. Und ich denke, das betrifft auch junge Menschen in nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) sehr stark.

Sie haben ein Recht auf sichere Räume und wir müssen ihnen solche Räume bieten. Dabei geht es um vier verschiedene Bestandteile: erstens, sichere öffentliche Räume für junge Menschen zu schaffen. Viele junge Frauen und Männer werden im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Spielplätzen, in der Freizeit oder sogar an Schulen und Universitäten belästigt. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass unsere öffentlichen Räume sicher sind, und dass sich junge Menschen in diesen Räumen gefahrlos ausdrücken können. Zweitens ist der Raum für gesellschaftliches Engagement wirklich wichtig, denn fast überall auf der Welt erleben wir, wie junge Menschen aktiv werden und sich engagieren. Beispielsweise gab es kürzlich die von Studierenden angeführten Demonstrationen in Bangladesch. Junge Schulkinder gingen auf die Straße und forderten bessere, sicherere Straßen. Und in den USA gab es den ›March for our Lives‹ – junge Schülerinnen und Schüler, die auf die Straße gingen und gegen die Waffengesetze protestierten. In verschiedenen Teilen der Welt konnten wir Frauendemonstrationen (women’s marches) beobachten. All dies sind kreative Ausdrucksformen, mit denen junge Menschen ihre Anliegen zivilisiert zum Ausdruck bringen und sich gesellschaftlich engagieren. Gleichzeitig dürfen Jugendliche keiner Form von Gewalt ausgesetzt sein oder wegen ihrer Teilnahme diskriminiert werden. Und dann sind drittens natürlich Räume wichtig, die Schutz vor physischer Gewalt bieten, was weltweit ein sehr wichtiges Thema ist. Alle zweieinhalb Sekunden wird ein Mädchen unter 18 Jahren verheiratet. Weibliche Genitalverstümmelung, geschlechtsspezifische Gewalt, häusliche Gewalt, Gewalt von Intimpartnern – das sind Themen, die die körperliche Sicherheit junger Menschen, insbesondere junger Frauen, betreffen.

Junge Menschen haben ein Recht auf sichere Räume und wir müssen ihnen solche Räume bieten.

Ein vierter und letzter Bestandteil sind die digitalen Räume. Wir wissen, dass junge Menschen im digitalen Raum sehr aktiv sind. Aber sie sind auch mit Belästigung, Cyber­-Mobbing und anderen Problemen im digitalen Raum konfrontiert. Und gleichzeitig nutzen extremistische Organisationen und terroristische Organisationen wie der Islamische Staat (Da’esh – IS) digitale Plattformen, um junge Menschen für extreme politische Bewegungen zu gewinnen. Wie können also diese digitalen Räume sicherer gemacht werden, und wie können wir junge Menschen gleichzeitig dazu befähigen, diese Plattformen auf sichere Weise zu nutzen? Andererseits wollen wir darüber diskutieren, wie wir über Mitgliedstaaten, politische Entscheidungsträgerinnen und ­-träger, Eltern und andere Akteure Handlungsraum schaffen, um sicherzustellen, dass sich junge Menschen in all diesen verschiedenen Plattformen frei ausdrücken und verantwortungsvoll bewegen können.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie in Ihrer Tätigkeit innerhalb und außerhalb der UN?

Ich denke, eine meiner größten Herausforderungen ist, dass ich von New York aus arbeite. Meine Arbeit ist in der Regel sehr global ausgerichtet und umfasst auch Interessenvertretung, Lobbyarbeit und Vorträge, und ich versuche, die Aufmerksamkeit auf die betreffenden Themen zu lenken. Für mich, die vor Ort in der Zivilgesellschaft gearbeitet und meine eigene Jugendorganisation und Jugendclubs geleitet hat, ist es manchmal eine Herausforderung, zu erfahren, wie meine Arbeit in die Praxis umgesetzt wird. Deshalb frage ich mich, ob das, was ich gerade tue, wirklich etwas Konkretes bewirkt. Aber gleichzeitig kann ich versuchen, mich zumindest um ein paar individuelle Fälle zu kümmern und mich bemühen, diese so weit wie möglich weiterzuverfolgen. Wenn ich beispielsweise ein Treffen mit dem Jugendminister eines Staates habe, spreche ich anschließend mit meinen UN-Kolleginnen und Kollegen in dem Land und bitte sie, mit dem Büro des Ministers Kontakt aufzunehmen und mich darüber auf dem Laufenden zu halten, wie die Umsetzung erfolgt. Zumindest in den Fällen, in denen ich vor Ort eine gewisse Unterstützung habe, versuche ich, die Entwicklung zu verfolgen und dafür zu sorgen, dass die Lobbyarbeit auch Wirkung zeigt.

Gibt es noch eine weitere Herausforderung?

Eine weitere Herausforderung sind die finanziellen Engpässe, mit denen wir konfrontiert sind. Mein Büro wird komplett mit außerplanmäßigen Mitteln finanziert. Im Grunde genommen muss ich also Finanzmittel akquirieren, damit unser Büro existiert – für meinen Mitarbeiterstab, für alle Projekte und Kampagnen und für alles, was wir tun. Das nimmt also etwa 50 Prozent unserer Zeit in Anspruch und verhindert, dass wir uns auf unsere eigentliche Arbeit konzentrieren können. Aber zum Glück gibt es einige Mitgliedstaaten, die uns unterstützen. Ich bleibe im Gespräch mit denjenigen, die in der Vergangenheit freiwillig Beiträge geleistet haben, und ich setze auch die Gespräche mit anderen fort, um eine solche Unterstützung aufrechtzuerhalten. Dadurch wird sichergestellt, dass unsere Arbeit nachhaltig bleibt, denn ich möchte wirklich, dass mein Büro als Institution weiter wächst. Wenn man von einer Gesandten spricht, ist es nur eine Person, aber wenn man ein Büro oder eine Einrichtung gründet, ist es nachhaltig. Ich kann meine arbeit dann tatsächlich an meinen Nachfolger oder meine Nachfolgerin übertragen. Gleichzeitig setze ich mich bei den Mitgliedstaaten dafür ein, dass meine Arbeit aus dem ordentlichen UN-­Haushalt finanziert wird. Damit dies passieren kann, muss dieser Schritt über den Fünften Ausschuss, den Verwaltungs-­ und Haushaltsausschuss der Generalversammlung, beantragt werden. Dafür werbe ich.

An Ihrem ersten Tag als Gesandte für die Jugend haben Sie junge Menschen als die ›SDG-Generation‹ bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Ich verwende diesen Begriff aus zwei Gründen. Erstens bezeichne ich die uns unmittelbar voran­gegangene Generation als ›Generation der Mil­lenniumsentwicklungsziele‹ (Millennium Develop­ment Goals – MDGs) – zum Beispiel meine Cousins und meine älteren Freunde. Sie wuchsen mit dem Wissen über die MDGs auf, hörten von den MDGs und dachten wirklich, dass Entwicklung mit den MDGs gleichzusetzen sei. Für mich aber war die erste internationale Konferenz, an der ich je teil­genommen habe, derRrio+20­-Gipfel im Jahr 2012. Und es war der erste Gipfel, bei dem sich so viele junge Menschen an der Diskussion über nachhaltige Entwicklung beteiligten. Wir als Generation sind mit der Idee der Nachhaltigkeit aufgewachsen. Ich glaube, dass viele der ›Millennials‹ und der ›Generation Z‹ sehr umweltbewusst sind. Schon beim Kauf von Kleidung einer Modemarke nehmen wir Rücksicht auf die Umwelt. Das lässt mich also glauben, dass wir die ›Generation der SDGs‹ sind.

Zweitens: Wenn wir es mit der Beendigung von Armut, Hunger und der Umkehr des Klimawandels ernst meinen, dann ist es unsere Generation, die die globalen Probleme lösen muss. Wenn wir das nicht innerhalb der nächsten 15 Jahre schaffen, wird es zu spät sein, insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel. Wenn wir konkrete Veränderungen herbeiführen wollen, müssen wir in die heutige Generation junger Menschen investieren, damit sie der aktive Partner sein kann, der in den nächsten 40 bis 50 Jahren tatsächlich die globale Energieproduktion dekarbonisiert. Vor allem im Hinblick auf das soziale Bewusstsein, aber auch im Hinblick darauf, junge Menschen als Akteure zur Verwirklichung der SDGs zu betrachten, nenne ich unsere Generation lieber die ›SDG­-Generation‹.

Sie sind eine leidenschaftliche Leserin von PsychoThriller-Romanen. Sehen Sie manchmal Parallelen zu Ihrem Mandat?

Ich denke, dass ich vielleicht nach meiner Amtszeit mein eigenes Buch schreiben werde. Das Amt ist wie eine Achterbahnfahrt. An manchen Tagen bin ich extrem produktiv, und an anderen Tagen denke ich: ›Was habe ich eigentlich getan, außer mit Leuten zu sprechen?‹ Der Unterschied zu einem Psycho­-Thriller­-Roman besteht wahrscheinlich da­rin, dass mein Team und ich wissen, dass wir auf das Ziel hinarbeiten, eine bessere Welt zu schaffen, auch für junge Menschen. Jeder junge Mensch soll mein Amt als Anlaufstelle wahrnehmen, an das er sich wenden kann, wenn er das Gefühl hat, dass seine Stimme nicht gehört wird.

Sie stehen mit Ihrer Biografie für Gleichberechtigung, Versöhnung und Partizipation junger Menschen auf nationaler und internationaler Ebene. Gibt es jemanden, der Sie inspiriert hat?

Ich hatte nie eine einzige Person, die ich als Vorbild betrachtet habe. Ich denke, es sind immer kleine Dinge, die ich von verschiedenen Menschen übernehme. So habe ich zum ersten Mal von den Vereinten Nationen erfahren, als ich ein Bild von Kofi Annan in der Zeitung sah. Damals fragte ich meine Mutter, wer das sei, und sie sagte mir, er sei der Generalsekretär der Vereinten Nationen. Danach interessierte mich, wie sein Job aussehen könnte, warum er sein Leben riskierte, um das Leben anderer Menschen besser zu machen. Später bekam ich die Gelegenheit, ihn tatsächlich persönlich zu treffen. Dann gab es den damaligen Außenminister Sri Lankas Lakshman Kadirgamar. Er ist leider nach einem terroranschlag im Jahr 2005 gestorben. Kadirgamar stammte aus einer Minderheit, arbeitete aber sehr gut mit Minderheits­- und mit Mehrheitsgemeinschaften zusammen, um Lösungen für politischen Probleme – insbesondere im Zusammenhang mit dem sri­lankischen Bürgerkrieg – zu finden. Er glaubte an Gleichberechtigung. Er hat sowohl mich als auch die Menschen in Sri Lanka sehr inspiriert, aufgeschlossener zu sein, global zu denken und lokal zu handeln.

Aus dem Englischen von Angela Großmann

1 Youth 2030. Working with and for Young People. UN Youth Strategy, 24.9.2018, www.un.org/sustainabledevelopment/wp-content/ uploads/2018/09/18-00080_UN-Youth-Strategy_Web.pdf

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