Menü

Einiges erreicht, aber noch viel zu tun (Kopie)

Seit den neunziger Jahren erkennen die Vereinten Nationen die Rechte von Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen (LGBTIs) zunehmend als Menschenrechte an. Obwohl es seit dem Jahr 2016 einen unabhängigen Experten für den Schutz der Rechte von LGBTIs gibt, werden diese Menschen weiterhin weltweit diskriminiert, verfolgt und ermordet.

Beispiel-Bildunterschrift

»Es ist gewissenlos, dass Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder empfundenen sexuellen Orientierung und Geschlechts­identität, die sich von einer bestimmten sozialen Norm unterscheidet, in vielen Teilen der Welt Opfer von Gewalt und Diskriminierung werden«. So lautet das Fazit des unabhängigen Experten für den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität1 Vitit Muntarbhorn während der Präsentation seines ersten Berichts2 vor der UN-Generalversammlung im Oktober 2017.3 Darin fasst er zusammen, worüber immer wieder berichtet wird: Die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen (LGBTIs) werden in vielen Ländern missachtet. Vielerorts werden sie vergewaltigt, gefoltert, ermordet, körperlich und psychisch misshandelt, gemobbt, diskriminiert und sozial ausgegrenzt.

Das Akronym LGBTI fasst unterschiedliche Menschen und Gruppen zusammen. Sie sind verschiedenen Formen von Diskriminierung ausgesetzt, weil sie den herrschenden Normen von Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität – oft als ›Heteronormativität‹ bezeichnet – nicht entsprechen.

Transgeschlechtliche Menschen passen nicht in die geltenden Normen von Weiblichkeit und Männlichkeit und werden daher oft Opfer gewaltsamer Hassverbrechen. Eine rechtliche beziehungsweise medizinische Geschlechtsangleichung wird ihnen oft versagt oder an hohe und entmündigende Hürden geknüpft. In der Regel werden sie zum Beispiel gezwungen, sich im Zuge solcher medizinischer Eingriffe sterilisieren zu lassen. Eine Operation und Zwangssterilisierung ist in vielen Ländern auch Voraussetzung für die rechtliche Eintragung des Wunschgeschlechts, beispielsweise in Personalausweise oder Pässe.4

Intergeschlechtliche Menschen kommen mit körperlichen Merkmalen zur Welt, die medizinisch als ›geschlechtlich uneindeutig‹ gelten. Um die gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit zu erfüllen, wird ihnen bei der Geburt oft das weibliche oder männliche Geschlecht zugewiesen und ihre Körper operativ daran angepasst. Diese Eingriffe sind gesundheitlich nicht notwendig, irreversible und können gesundheitsschädlich sein. Auch in Deutschland war dies lange Zeit Praxis. Erst im November 2017 entschied das deutsche Bundesverfassungsgericht, dass im Geburtenregister ein drittes Geschlecht eingetragen werden darf.5

Systematische Benachteiligung von LGBTIs

LGBTI-Lebensweisen werden vielerorts kriminalisiert. Zwar hat sich die Anzahl der Länder, die homosexuelle Handlungen gesetzlich verbieten, seit dem Jahr 20086 um 20 Länder verringert. In mindestens 71 Staaten7 werden solche Handlungen weiter strafrechtlich verfolgt, in acht Ländern sogar mit dem Tode bestraft.8 Gestützt werden gesetzliche Verbote oft durch konservativ religiöse und nationalistische Einstellungen. Sie werden auch damit begründet, dass Homosexualität ein ›Import des Westens‹ sei, der den Traditionen und Kulturen des Landes widerspricht. Wie im Fall Kenia beruhen diese Verbote aber teilweise auf europäischen Gesetzen des 19. Jahrhunderts, die von den Kolonialmächten gewaltsam verbreitet und in vielen ehemaligen kolonisierten Ländern auch zum Gesetz wurden. Traditionelle und orthodoxe Interpretationen des Islams verbieten homosexuelle Handlungen.9

1 Bis Oktober 2017 hatte der thailändische Juraprofessor Vitit Muntarbhorn das Amt inne. Er legte sein Mandat jedoch aus gesundheitlichen Gründen nieder. Bisher hat der Menschenrechtsrat (MRR) keine Nachfolge bestimmt (Stand: November 2017).

2 UN-Dok. A/HRC/35/36 v. 19.4.2017.

3 OHCHR, LGBT People suffering »crucible« of Rights Violations around the World, UN Expert warns, 27.10.2017, einzusehen unter www.ohchr.org/en/NewsEvents/Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=22325&LangID=E . Siehe dazu auch Karsten Schubert, Langer Weg zur sexuellen Selbst-bestimmung. Der Schutz von LSBTI durch die Vereinten Nationen, Vereinte Nationen (VN), 5/2013, S. 216–222.

4 Deutsches Institut für Menschenrechte (DIMR)/Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Sexual Orientation and Gender Identity as Human Rights Issues in Development Cooperation, Oktober 2015, zu finden unter www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/E-Info-Tool/e-info-tool_sexual_orientation_and_gender_identity_as_human_rights_issues_in_development_cooperation.pdf

5 Ebd.

6 International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA), State-Sponsored Homophobia Report 2008, Genf, Mai 2008. Der Bericht ist unter ilga.org/downloads/ILGA_State_Sponsored_Homophobia_2008.pdf abrufbar.

7 ILGA, State-Sponsored Homophobia Report 2017, Genf, Mai 2017, ilga.org/downloads/2017/ILGA_State_Sponsored_Homophobia_2017_WEB.pdf

8 Ebd. Dies sind die folgenden Staaten: Irak, Iran, Jemen, Nigeria (in zwölf Provinzen, in denen die Scharia gilt), Saudi-Arabien, Somalia (in Gebieten, in denen die Scharia gilt), Sudan und Syrien (in vom Islamischen Staat kontrollierten Gebieten).

9 Dreilinden/DIMR, Menschenrechte fördern! Deutsche Unterstützung für lesbische, schwule, bisexuelle, trans* und inter* (LSBTI) Menschenrechtsarbeit im Globalen Süden und Osten, Berlin/Hamburg 2011, S. 9. Die Studie ist online unter www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/_migrated/tx_commerce/studie_menschenrechte_foerdern_2_auflage_2011.pdf zu finden.

Das könnte Sie auch interessieren


  • Einiges erreicht, aber noch viel zu tun

    Einiges erreicht, aber noch viel zu tun

    18.12.2017
    Seit den neunziger Jahren erkennen die Vereinten Nationen die Rechte von Lesben, Schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen (LGBTIs) zunehmend als Menschenrechte an. Obwohl es seit dem Jahr 2016 einen unabhängigen Experten für den Schutz der… mehr

  • Menschenrechtsausschuss | 125. bis 127. Tagung 2019

    Menschenrechtsausschuss | 125. bis 127. Tagung 2019

    20.08.2020

  • Menschenrechtsverteidiger am Etappenziel

    Der lange Weg zu einer Erklärung der GeneralversammlungMenschenrechtsverteidiger am Etappenziel

    01.02.2001
    Ohne den unermüdlichen Einsatz von couragierten Einzelpersonen und Gruppen wären die Menschenrechte oftmals nicht mehr als ein in zahllosen Dokumenten formuliertes Ideal. Doch der Handlungsspielraum dieser Frauen und Männer, der sogenannten… mehr

  • Polen

    Polen

    01.06.1983
    Polen: Zurückhaltender Bericht des Sonderbeauftragten Gobbi (23). mehr

  • Bolivien

    Bolivien

    01.06.1983
    Bolivien: Normalisierung der Menschenrechtssituation - Beendigung der Arbeit des Sonderbeauftragten (22). mehr