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Das globale Ernährungssystem nachhaltig transformieren

Die globalen Beschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie haben zum Anstieg von Mangelernährung und Hunger geführt. Der geplante UN-Gipfel zu den Ernährungssystemen (FSS) wird unter dem Einfluss der Agrarlobby lokale Nahrungsmärkte und Agrarökologie als Grundlage für krisenfeste Ernährungssysteme kaum beachten.

Einem Händler wird die Temperatur an der Stirn gemessen.

Die globalen Beschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie haben zum Anstieg von Mangelernährung und Hunger geführt. Der geplante UN-Gipfel zu den Ernährungssystemen (FSS) wird unter dem Einfluss der Agrarlobby lokale Nahrungsmärkte und Agrarökologie als Grundlage für krisenfeste Ernährungssysteme kaum beachten.

Die COVID-19-Pandemie hat tiefgreifende Auswirkungen auf die globale Ernährungssicherung und Nahrungsmittelversorgung verursacht.[1] Die Krise beeinflusst die unterschiedlichen Ernährungssysteme und bedroht den Zugang der Menschen zu Nahrungsmitteln. Durch die verschiedenen Schutzmaßnahmen der Regierungen zur Bekämpfung der Pandemie kam es nicht nur zu einer erheblichen Unterbrechung der Versorgungswege mit Lebensmitteln, sondern auch zu einem spürbaren globalen Wirtschaftseinbruch, der Umsätze im Nahrungssektor einbrechen ließ und zum Teil noch andauert.[2] Dies führte zu niedrigeren Einkommen und höheren Preisen für einige Lebensmittel, besonders in den Städten, sodass Nahrungsmittel für viele unerschwinglich geworden sind. Dies untergräbt das Menschenrecht auf Nahrung und die Bemühungen, das zweite Ziel ›Kein Hunger‹ der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) zu erreichen.

Bei den Bäuerinnen und Bauern in den Ländern des Globalen Südens führten im Jahr 2020 verringerte Vermarktungsmöglichkeiten ihrer eingebrachten Ernten zu hohen Einnahmeverlusten, während sie zum Teil wenigstens ihre Selbstversorgung aufrechterhalten konnten.[3] Im Jahr 2021 erleben jene Landwirte erhebliche Einbußen, die ins agrarindustrielle System eingestiegen sind oder über Entwicklungsinitiativen, wie die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA), in dieses System geführt wurden.[4] Sie waren und sind anders als ihre agrarökologisch wirtschaftenden Kolleginnen und Kollegen auf den Zukauf von Saatgut oder Dünger angewiesen. Unterbrochene Importlieferketten in der Pandemie führen dazu, dass sie nicht oder nicht zur richtigen Zeit aussäen können. Das Welternährungsprogramm (World Food Programme – WFP) rechnet mit einer Steigerung der Zahl der an Hunger leidenden Menschen bis zum Ende des Jahres um 135 Millionen.[5] Es ist schon jetzt klar erkennbar: Das Corona-Virus kann zwar jeden treffen, jedoch sind arme Bevölkerungsgruppen schlechter gewappnet, um mit den Folgen der Pandemie fertig zu werden.

Es ist eine bizarre Situation, die im Kleinen symbolisiert, was nichtstaatliche Organisationen (NGOs) schon lange am existierenden Nahrungssystem und der Industrialisierung der Landwirtschaft kritisieren und als ›Hungern im Überfluss‹ bezeichnen. Sie zeigen Agrarökologie als krisenfeste und nachhaltige Alternative auf.[6]

 

Wenig krisenfeste Nahrungs- und Agrarsysteme

Noch knapp zehn Jahre sind Zeit, um bis zum Jahr 2030 den Hunger zu beseitigen. Alle Menschen sollen dann in der Lage sein, sich ausreichend, ausgewogen und gesund zu ernähren – und gleichzeitig in einer nachhaltigen Welt leben. Das haben die in den Vereinten Nationen versammelten Staats- und Regierungschefs mit der Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030) im Jahr 2015 beschlossen.[7] Doch leider deutete bereits vor COVID-19 nichts darauf hin, dass dieses Ziel erreicht werden wird.[8]

Seit dem Jahr 2014 steigen die Zahlen der hungernden Menschen weltweit von Jahr zu Jahr wieder an. Im Jahr 2019 litten 690 Millionen Menschen chronisch an Hunger, zehn Millionen mehr als im Vorjahr. Das heißt: Jeder elfte Mensch hungert – in den Ländern Afrikas südlich der Sahara sogar jeder fünfte. 144 Millionen Kinder sind chronisch unterernährt. Wie viele Menschen an Hunger sterben, ist nicht genau erfasst. Schätzungen gehen von jährlich neun Millionen Hungertoten aus. Ohne eine radikale Kehrtwende werden im Jahr 2030 – so die Prognose der UN – 840 Millionen Menschen Hunger leiden. Doch das Recht auf Nahrung beinhaltet mehr als den Zugang zu Nahrungskalorien: Es geht um eine vielfältige und abwechslungsreiche Ernährung, die langfristig gesund erhält. Dieses Recht ist zurzeit drei Milliarden Menschen verwehrt – etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung.[9] Damit ist der erste globale Stresstest für den Neustart einer Welternährungsarchitektur nach der Welternährungskrise im Jahr 2009[10] unter dem Dach der UN – die Neuaufstellung des Ausschusses für Welt­ernährungssicherheit (Committee on World Food Security – CFS) – nicht erfolgreich gewesen.

Gerade die vielfältigen Initiativen des CFS sind zur globalen Verankerung des Rechts auf Nahrung zum größten Teil geeignet, um nationalen Regierungen Anleitungen für krisenfeste Ernährungssysteme aufzutragen. Ein Beispiel sind die Leitlinien zu Landrechten und Fischgründen.[11] Aber auch die jährlichen Berichte der Hochrangigen Sachverständigengruppe für Ernährungssicherheit und Ernährung (High-level Panel of Experts on Food Security and Nutrition – HLPE) des CFS enthalten Umsetzungsempfehlungen an die Politik für eine nachhaltige Nutzung von Wäldern, Wasser, Tierhaltung oder Fischgründen, um die globale Ernährungssicherheit und eine gesunde Nahrungsvielfalt zu erhöhen.[12]

 

Der CFS als Hoffnung im Kampf gegen den Hunger

Diese jährlichen ›Entscheidungsempfehlungen‹ zeigen auch in den Mitgliedstaaten ihre positive Wirkung, folgt man den regelmäßigen Umsetzungsberichten der Mitgliedstaaten auf den Plenartagungen des CFS.[13]So hat sich der CFS zum wichtigsten Instrument der Weltgemeinschaft entwickelt, verbindliche (Selbst-)Empfehlungen zur Verwirklichung des Rechts auf Nahrung zu beschließen. Auch viele Staatenvertreterinnen und -vertreter betonen regelmäßig, dass die einzigartige Stärke der CFS-Beschlüsse darin liegt, dass die Mitgliedstaaten mit der Schaffung eines zivilgesellschaftlichen Begleitmechanismus (Civil Society Mechanism – CSM) bereit waren, die unterschiedlichen Vorstellungen einer zukünftigen Agrarproduktion und Welternährung mit den davon betroffenen Kleinproduzenten und indigenen Gemeinschaften von Anfang an zu beraten. Der CSM ist ein im UN-System einzigartiges Instrument inklusiver gleichberechtigter Entscheidungsfindung über die besten Lösungen, ohne Regierungen am Ende die Verantwortung abzunehmen, dass sie diejenigen sind, die ihre Selbstverpflichtungen verantworten müssen.

Tatsächlich haben auf Grundlage der CFS-Empfehlungen in vielen Staaten Prozesse begonnen, die Rechte der Bevölkerung auf eine gesunde Ernährung und die Rechte der Nahrungsproduzenten besser zu verankern. Diese Schritte wurden oftmals durch zivilgesellschaftliche Akteure angeschoben. Zumindest finden Betroffene in den meist von ihren Regierungen unterstützten CFS-Beschlüssen Bezugspunkte für ihre nationalen Auseinandersetzungen um Anerkennung ihrer Produktionsweisen, Landrechte, informellen Märkte, Saatgutvielfalt, Schutz von Biodiversität und Fischgründen oder der lokalen Vielfalt von Nahrungsangeboten.[14] Besonders die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations – FAO) profitiert nach anfänglichem Kompetenzgerangel von den Berichten und Beschlüssen des CFS und gibt ihrer Beratungstätigkeit vor Ort eine höhere Akzeptanz, Glaubwürdigkeit und Anschlussfähigkeit. Diese Erfolge in Rom sind aber keine Selbstverständlichkeit und weit davon entfernt, von der Krise des Multilateralismus unbeeinflusst zu sein.

Natürlich verfolgen die großen Agrarexportnationen, wie Australien, Brasilien, die USA und die Staaten der Europäischen Union (EU) ihre Interessen im Namen der industriellen Intensivlandwirtschaft auch in Rom, wo der Ausschuss seinen Sitz hat. Die großen Agrarchemievertreter, Nahrungsmittelproduzenten, Lebensmittelkonzerne und privaten Stiftungen mit ihren Lobbyverbänden – organisiert im Privatsektormechanismus des CFS (Private Sector Mechanism – PSM) – sind ebenfalls dabei, wenn Fragen der zukünftigen Welternährung und Agrarproduktion beschlossen werden. Wie in vielen anderen Gremien der Vereinten Nationen versuchen auch im CFS Staaten, den rechtebasierten Gründungskanon zu unterhöhlen und eine in unverbindliche Absichtserklärung umzudeuten. Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Landrechte, traditionelle Rechte zum Zugang zu Fischgründen und anderen natürlichen Ressourcen sind undemokratischen oder autokratischen Regierungen in UN-Foren ein Dorn im Auge.

Tatsächlich haben in vielen Staaten Prozesse begonnen, die Rechte der Bevölkerung auf eine gesunde Ernährung zu verankern.

Wie weit die Krise des CFS geht, zeigte die letzte Tagung im Umgang mit dem hervorragenden Bericht der HLPE zu den Folgen der COVID-19-Pandemie für den Umbau der Ernährungssysteme.[15] Dieser Bericht stellt die Bedürfnisse der am meisten von den Pandemiefolgen betroffenen Gruppen in den Vordergrund und beschreibt darin die Schwachstellen und Verantwortlichkeiten des industriellen Ernährungssystems. Er wurde aber nur zur Kenntnis genommen und ist nicht zur Handlungsgrundlage der internationalen Staatengemeinschaft geworden, Maßnahmen zur Krisenbewältigung zu empfehlen.

 

Leitlinien zum nachhaltigen Umbau

Da aber schon vor COVID-19 das CFS den Prozess ›Leitlinien zum nachhaltigen Umbau der globalen Ernährungssysteme‹[16]startete und gleichzeitig Politikempfehlungen zur Förderung von Agrarökologie[17]verhandelte, werden sich alle die Landwirtschaft betreffenden Wirtschaftsbereiche und viele Staaten damit abfinden müssen, dass ihr präferiertes industrielles Agrarsystem international zur Diskussion gestellt wird. Es geht nun nicht mehr ›nur‹ darum, die Rechte für Kleinproduzenten zu tolerieren. Diese Rechte können in den meisten größeren Agrarexportländern den Agrarkonzernen sowieso leider wenig anhaben und es geht auch nicht um eine zertifizierte Agrarproduktion. Es geht ums Ganze.

Was bedeutet aber eine Transformation der Ernährungssysteme und warum wird sie immer dringender? Auch hier haben der Verlauf und die Ernährungssituation während der COVID-19-Krise vieles beschleunigt offengelegt, wovor spätestens seit Veröffentlichung des Weltagrarberichts[18] gewarnt wurde.

In Brasilien etwa wurde unter der Ägide der Arbeiterpartei versucht, Lehren aus den Ergebnissen des damaligen Berichts zu ziehen und die schon um die Jahrtausendwende begonnene Hungerbekämpfung durch Maßnahmen für eine Agrartransformation in ein nachhaltigeres Ernährungssystem in manchen Regionen zu überführen. Die rechtsliberalen Regierungen Brasiliens der letzten fünf Jahre haben aber inzwischen alle (land-)wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen zurückgenommen, die Brasilien aus dem Hunger geführt hatten und so das Land aus der ›Hungerkarte‹ des WFP[19] gestrichen werden konnte. In der COVID-19-Krise zeigt sich, wie wenig krisenfest das neue alte Agrarsystem ist. Eine aktuelle Studie[20] zeigt, dass dort 19 Millionen Menschen infolge der Pandemie wieder hungern und 117 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung Brasiliens – von Ernährungsunsicherheit betroffen sind. Das heißt, sie wissen nicht, ob sie am nächsten Tag ausreichend und gesund zu essen haben werden. Das brasilianische Beispiel zeigt, welche desaströse Wirkung die Pandemie hat, wenn sie auf eine verfehlte Landwirtschafts- und Ernährungspolitik trifft. Nicht nur Brasilien, auch die indische Ernährungssituation und auch die Verhältnisse in vielen Ländern Afrikas sowie Süd- und Mittelamerikas zeigen wie in einem Brennglas die Schwächen des gesamten gegenwärtigen Ernährungssystems auf.[21]

Die Fokussierung auf eine Steigerung der Produktionsmengen bringt ein besonders krisenanfälliges Ernährungssystem hervor.

Die jahrzehntelange Fokussierung des industriellen Agrarsystems auf eine Steigerung der Produktionsmengen weniger kalorienreicher Produkte mit einhergehenden Im- und Exportabhängigkeiten für die Produzenten bringt ein Ernährungssystem hervor, das besonders krisenanfällig ist. Es braucht demnach nicht einfach mehr Nahrungsmittel, sondern einen differenzierten Blick auf die verschiedenen Formen von Fehlernährung, die gleichzeitig in einer Gesellschaft auftreten: Hunger, Unterernährung, Eiweiß- und Vitaminmangel, aber auch Fettleibigkeit. Die Pandemie hat gezeigt, dass fehlernährte Menschen anfälliger für schlimmere Verläufe von COVID-19 sind.

 

Handel, Vertrieb und Verteilung auf dem Prüfstand

Für eine solche Diversifizierung und Umformung des Ernährungssystems bedarf es vielfältigerer Verteilungs- und Vertriebssysteme für Lebensmittel. Einer der effektivsten Schritte ist die Verkürzung der Lieferketten in der Nahrungsverarbeitung und das Aufrechterhalten von Bauernmärkten. In vielen Entwicklungsländern sind sie die vorherrschenden Angebotsmärkte für die ärmere Bevölkerung. Sie bieten die höchste Vielfalt an regional angebauten oder verarbeiteten Produkten zu erschwinglichen Preisen, da sie oft direkt von Pro­duzentengemeinschaften angeboten werden. Leider stehen lokale Märkte unter dem Druck von kommunalen Behörden, weil sie angeblich hygienischen Standards nicht genügen, auf teurem Grund und Boden stehen oder Verkehrschaos verursachen. Hinter solchem Druck stehen häufig Investoren der (internationalen) Supermarktketten, die sich der lokalen Konkurrenz entledigen wollen. Sie bieten dann die Palette der verarbeiteten Produkte eines internationalen Privatunternehmens an, das in seinen Billigsegmenten uniforme, kaum nahrhafte Variationen von überzuckerten oder mit künstlichen Fremd- und Konservierungsstoffen aufgerüstete ›Kalorienbomben‹ beinhalten. Diese führen zu Fehlernährung in all ihren Formen. Wie selbst dieses ungesunde Nahrungsangebot in Krisenzeiten zusammenbrechen kann, zeigte sich auch in der Pandemie, als die Regale der Supermärkte wegen Unterbrechung der Importlieferketten leer blieben.[22]

 

Agrarökologie als Produktionssystem nachhaltiger Ernährungsmärkte

Eine Änderung der Vertriebs- und Verteilungsformen von Lebensmitteln ist aber nicht ausreichend, sondern sie muss auf einem radikalen Umbau der globalen Agrarproduktion aufbauen. Um die Unterversorgung an Vitaminen und Mineralstoffen zu beheben, muss zum Beispiel global der Anbau von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten erheblich gesteigert werden. Damit mehr Vielfalt auf die Teller kommt, braucht es auch mehr Vielfalt auf den Äckern und in den Gärten sowie Angebote aus nachhaltiger Fischerei und Fischzucht. Im Laufe der Jahrtausende haben Menschen Millionen unterschiedlicher Nutzpflanzensorten gezüchtet, doch immer weniger von ihnen kommen zum Einsatz. Ganze zwei Drittel der globalen Ernte werden mit nur neun Pflanzenarten erzeugt.[23]

Kleinbauern wirken neben anderen Nahrungsproduzentinnen und Produzenten wie Fischer oder Hirten als eine Schlüsselfunktion für die Transformation der Ernährungssysteme. Sie leisten bisher den überwiegenden Anteil der Hungerbekämpfung und Ernährungssicherung. Aber ihre Ernten reichen oft nicht aus, um ein ausreichendes Einkommen auf den Märkten zu erzielen. Stattdessen verschärft das vorherrschende industrielle Landwirtschaftsmodell wegen des hohen Einsatzes von Mineraldüngern, Pestiziden und Hybriden oder genverändertem Saatgut die Abhängigkeiten der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von den Agrarkonzernen und führt zum Verlust von kontextspezifischem und traditionellem Wissen. Intensive landwirtschaftliche Nutzung laugt die Böden aus, verringert die biologische Vielfalt und produziert einen hohen Ausstoß an Methan, Lachgas und Kohlendioxid. Dieser dramatische Verlust an fruchtbaren Böden und Sortenvielfalt sowie die zunehmende Wasserknappheit drohen das Ziel einer Welt ohne Hunger langfristig unerreichbar werden zu lassen.

Die Geschwindigkeit, mit der die alarmierenden Vorhersagen der globalen Sachstandsberichte der Zwischenstaatlichen Plattform Wissenschaft-Politik für Biodiversität und Ökosystemleistungen (Inter­governmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services – IPBES)[24] von realen Entwicklungen eingeholt werden, zeigt vielmehr, wie schnell und grundlegend die Veränderungen jetzt sein müssen, damit das gefährlich aus den Fugen geratene Erdsystem nicht durch das Überschreiten weiterer Kipppunkte völlig kollabiert.

Kleinbauern wirken als eine Schlüsselfunktion für die Transformation der Ernährungssysteme.

Auf Grundlage des bereits erwähnten Welt­agrarberichts, der im Auftrag von Weltbank und den Vereinten Nationen weltweit über 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligte, konnte auch die FAO von einzelnen Staaten, dem CFS und dem CSM unterstützt, agrarökologische Ansätze entwickeln, die eine Agrarproduktion fördern. Diese soll sich an die natürlichen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen anpassen. Dies führte etwa zu den zehn Prinzipen der Agrarökologie.[25]

 

Agrarökologie ist das Gebot der Stunde

Agrarökologische Ansätze basieren auf der Förderung von Biomasse- und Nährstoffkreisläufen, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten und zu verbessern. Verluste durch Wind, Wasser und hohe Sonneneinstrahlung werden vermindert und die Biodiversität erhalten beziehungsweise gefördert. Agrarökologie fördert biologische Prozesse zur Minimierung von Eingängen wie Mineraldünger, Pestizide oder fossilen Energieträgern. Die Ziele einer agrarökologischen Intensivierung sind höhere Erträge und mehr Ertragsstabilität (Vermeidung von Risiken statt maximaler Erträge), geringere Abhängigkeit von externen Betriebsmitteln (Gefahr der Verschuldung) und eine Stärkung lokaler Strukturen. Agrarökologie ist ein wissenschaftlich fundiertes Konzept, das ökologische Prinzipien mit dem politischen Ansatz der Ernährungssouveränität und dem Recht auf Nahrung verbindet. Dieser holistische Ansatz wird bereits von Bäuerinnen und Bauern weltweit praktiziert und weiterentwickelt; soziale Bewegungen überall auf der Welt treten für seine Verbreitung ein. Sie erarbeiten selbst – also von unten nach oben – lokale und regionale Lösungen und bauen dabei auf ihr eigenes Wissen auf.[26]

Weitere agrarökologische Prinzipien sind Fruchtfolgen, Mischkulturen, Agroforstwirtschaft, natürlicher Pflanzenschutz, Nachernteschutz und ökologisch orientierte Pflanzen- und Nutztierzüchtung. Der Anbau verschiedener Sorten und Arten, das Halten von Tieren sowie die Nutzung von Wald oder das Anlegen von Fischteichen schaffen ein artenreiches System, das in der Lage ist, Umweltstress zu mindern. Mit Blick auf die Hungerbekämpfung ist Agrarökologie auch ein klarer Vorteil, da sie den Einsatz von externen Eingaben drastisch reduziert und damit nicht zertifiziert werden muss. Agrar­ökologie schließt jegliche Gentechnik auf dem Acker aus und setzt auf große Vielfalt in Anbau und Produktion und damit auch auf Nahrungsvielfalt. So wird das Problem der Fehlernährung angegangen.

Erste Schritte hin zu einem anderen Ernährungssystem sind also getan. Doch es mangelt weiter an Kohärenz und politischem Willen zur Umsetzung auf allen Ebenen.

 

Der UN-Gipfel über die Ernährungssysteme: eine verpasste Gelegenheit

Leider zeichnet sich auch ab, dass die Vereinten Nationen mit ihrem für den im September vorge­sehenen UN-Gipfel zu den Ernährungssystemen (UN Food Systems Summit – FSS)[27] in New York nicht den Mut aufbringen, sich eindeutig für das nachhaltigste Produktionssystem in der Landwirtschaft auszusprechen – für ein Ernährungssystem auf agrarökologischer Basis. Stattdessen wird schon in der Vorbereitung des UN-Gipfels eine Beliebigkeit von Agraransätzen propagiert. Es wird eine vorgeblich »gleiche Verantwortung« aller sogenannten Akteure – von Staaten über Agrarindustrie, Wissenschaft bis zur Zivilgesellschaft – propagiert, die »freiwilligen Verpflichtungen« zur Hungerbeseitigung bis zum Jahr 2030 als Gipfelergebnisse verkünden sollen. Aber es ist absehbar, dass es nur vage Lippenbekenntnisse bleiben werden. So begründet auch die Allianz für Ernährungssouveränität in Afrika (AFSA) ihren Ausstieg aus der Vorbereitung und der Teilnahme an dem FSS in einem Brief an Agnes Kalibata, der Sondergesandten des UN-Generalsekretärs und Präsidentin der umstrittenen AGRA.[28]

Zahlreiche NGOs und Verbände von Agrarproduzenten möchten eine Stärkung des für Ernährungsfragen zuständigen CFS. Dies auch, weil sie dort Beteiligungsrechte an politischen Prozessen haben. Dem FSS stünde es gut, diesem progressiven und an den Menschenrechten orientierten Beispiel zu folgen. Es gibt keine Zeit für ein Nebeneinander gescheiterter agrarindustrieller Projekte mit zukunftsweisenden agrarökologischen Ansätzen. Hunger- und Mangelernährung wüten schon zu lange unter den Menschen. Nur der Ansatz der Agrarökologie beweist seit Jahrzehnten, dass er nicht nur satt macht, sondern auch gesund ist, Natur, Umwelt und Klima schützt und ein Auskommen für viele ermöglicht und damit auch Armut überwindet.

 

[1] Siehe Christina Kamp, Drohende ›Hunger-Pandemie‹ abwenden, DGVN, 12.5.2020, dgvn.de/meldung/drohende-hunger-pandemie-abwenden/.

[2] Lena Bassermann, Mehr Hunger und Ungleichheit, Forum Umwelt und Entwicklung, Forumsbrief 3/2020, Berlin 2020, www.forumue.de/wp-content/uploads/2020/11/06_Bassermann_Rundbrief_3_20.pdf.

[3] Bernhard Walter, Steigende Lebensmittelpreise – auch wegen Corona?, Brot für die Welt, 8.1.2021, www.brot-fuer-die-welt.de/blog/2020-steigende-lebensmittelpreise-auch-wegen-corona/.

[4] Falsche Versprechen: Die Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA), INKOTA-netzwerk, Juni 2020, webshop.inkota.de/node/1612.

[5] WFP, WFP-Chef warnt vor Hungerpandemie wegen COVID-19, 21.4.2020, de.wfp.org/pressemitteilungen/wfp-chef-warnt-vor-hungerpandemie-wegen-covid-19-vor-un-sicherheitsrat.

[6] Kerstin Bertow, Ist genug für alle da? Welternährung zwischen Hunger und Überfluss, Analyse 23, Brot für die Welt, Stuttgart 2011, www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Fachinformationen/Analyse/Analyse_23_Internet.pdf.

[7] UN-Dok. A/RES/70/1 v. 25.9.2015.

[8] Michael Euler, Ernährung und Landwirtschaft als Schlüssel für die SDGs, VEREINTE NATIONEN (VN), 68. Jg., 2/2020, S. 76–81.

[9] FAO et al., The State of Food Security and Nutrition in the World 2020. Transforming Food Systems for Affordable Healthy Diets, Rom 2020.

[10] Die UN und die Nahrungsmittelkrise, VN, 57. Jg., 2/2009.

[11] CFS/FAO, Voluntary Guidelines on the Responsible Governance of Tenure of Land, Fisheries and Forests in the Context of National Food Security, Rom 2012, www.fao.org/3/i2801e/i2801e.pdf.

[12] CFS, HLPE Reports, www.fao.org/cfs/cfs-hlpe/hlpe-reports/en/.

[13] CFS, Session Recordings, www.fao.org/cfs/plenary/cfs-47/recordings.

[14] CSM for Relations With the CFS: Towards Smallholder-oriented Public Policies: Independent Report by the Civil Society and Indigenous Peoples Mechanism for the Committee on World Food Security Monitoring the Use and Implementation of CFS Policy Recommendations on Smallholders – 2019, Rom 2019, www.csm4cfs.org/wp-content/uploads/2016/02/SHmonitoringReport_EN_stampa.pdf.

[15] CFS/HLPE, Impacts of COVID-19 on Food Security and Nutrition: Developing Effective Policy Responses to Address the Hunger and Malnutrition Pandemic, September 2020, www.fao.org/3/cb1000en/cb1000en.pdf.

[16] CFS, The CFS Voluntary Guidelines on Food Systems and Nutrition (VGFSyN), 8.-11.2.2021, www.fao.org/fileadmin/templates/cfs/Docs1920/Nutrition_Food_System/Negotiations/NE_982_47_8_VGFSYN.pdf.

[17] CFS, Policy Recommendations on Agroecological and Other Innovative Approaches for Sustainable Agriculture and Food Systems That Enhance Food Security and Nutrition, Draft One, 2020, www.fao.org/fileadmin/templates/cfs/Docs1920/Agroecology_an_other_innovative/23_July_2020/1CFS_Agroecological_innovative_approaches.pdf.

[18] United Nations Environment Programme (UNEP)/International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD), Agriculture at a Crossroads, The Global Report, Washington, D.C., 2009, www.unep.org/resources/report/agriculture-crossroads-global-report-0.

[19] WFP, Hunger Map 2018, docs.wfp.org/api/documents/WFP-0000098743/download/.

[20] Rede PENSSAN (Rede Brasileira de Pesquisa em Soberania e Segurança Alimentar e Nutricional), Inquérito Nacional Sobre Insegurança Alimentar no Contexto da Pandemia da COVID-19 no Brasil, Sao Paulo 2021.

[21] CFS/HLPE, Impacts of COVID-19 on Food Security and Nutrition, a.a.O. (Anm. 15).

[22] Ingrid Jacobsen, Wege in die städtische Ernährungssouveränität, Aktuell 67, Brot für die Welt, Berlin 2021, www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/downloads/fachpublikationen/sonstige/Aktuell67-Ernaehrungssouveraenitaet.pdf.

[23] Brot für die Welt, Zum Welternährungstag: Politik muss Hungernde unterstützen und einbeziehen, statt Konzerne zu hofieren, 9.10.2020, www.brot-fuer-die-welt.de/pressemeldung/2020-zum-welternaehrungstag-16-oktober-2020-politik-muss-hungernde-unterstuetzen-und-einbeziehen-statt-konzerne-zu-hofieren/.

[24] IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Bonn 2019, doi.org/10.5281/zenodo.3553579.

[25] FAO, The 10 Elements of Agroecology, Guiding the Transition to Sustainable Food and Agricultural Systems, Rom 2018, www.fao.org/3/i9037en/i9037en.pdf.

[26] Brot für die Welt, Zum Welternährungstag, a.a.O. (Anm. 23).

[27] UN Food Systems Summit 2021, www.un.org/en/food-systems-summit; siehe dazu auch den Beitrag von Ulrich Seidenberger in diesem Heft.

[28] AFSA, African Civil Society Refuses to Engage With UNFSS Without Radical Change, 19.4.2021, afsafrica.org/african-civil-society-refuses-to-engage-with-unfss-without-radical-change/.

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